„Nomen est omen“, sagt der Lateiner. „Der Name ist ein Zeichen“. Zwar wird die Wendung vorwiegend ironisch gebraucht – z.B. wenn der Herr Gierig Finanzbeamter ist oder die Frau Koch als Küchenchefin arbeitet. Aber...
Oft war es so, dass der erste Vorfahr, dem man den Namen zudachte, eine entsprechende Eigenschaft oder den benannten Beruf hatte. Wobei man sich auch nicht täuschen soll. Die vielen Richters, die es in Deutschland gibt, waren nicht alle bei der Justiz, sondern meistens Gastwirte (der ein Gericht auf den Tisch bringt). Nicht auszudenken, wenn die vielen Kretschmars auch noch alle Richter heißen würden… Das ist nämlich der sorbische Name des „Richters“ oder Inhabers eines Kretschams – zu deutsch: eines Erbgerichts.
Bei Vornamen ist das nicht anders. Die vielen Mandys und falsch geschriebenen Maiks sind zwar nur Zeichen eines bestimmten modischen Trends, aber es gibt auch Eltern, die ihre Entscheidung für den Namen des Kindes auch von der Namensbedeutung abhängig machten. Und fast jeder hat schon mal nachgelesen, was sein Name eigentlich heißt.
Im Alltag tritt jedoch die Bedeutung des Namens völlig in den Hintergrund.
Wie Personen wird auch jede Sache be“namt“ um sie zu identifizieren. „Bring mir mal den Suppentopf“ sollte für alle eine Lösung sein, mit denen man sich einig ist, wie ein Suppentopf auszusehen hat. Schwieriger wird es, wenn jemand nach einer „Frequenzbiegezange“ geschickt wird. Hier wird nur der Unwissende als Elektrikerlehrling im 1. Lehrjahr identifiziert, weil es den Gegenstand gar nicht gibt.
Wie Personen und Gegenstände werden auch Völker, Staaten, Regionen, Städte, Landschaften und Fluren über Namen identifiziert. Und auch hier ist die Namensbedeutung nur sekundär.
Dass auf dem Hutberg früher Schweine gehütet wurden, ist für den Konzertbesucher auf der Hutbergbühne völlig uninteressant und dass auf dem Butterberg vor allem Kühe standen und warum er dann nicht „Kuhberg“ heißt, interessiert nur wenige Heimatkundler. In Radeburg heißt eine Flur „Hutschen“. Die wenigsten wissen, dass das mal „Hutungen“ waren.
Wenn beschäftigt schon, dass sich die Deutschen als „das Volk“ bezeichnen und die Slawen sich als Sieger (slawa = Sieg) sehen? Wichtig ist, wer damit identifiziert wird und noch wischtiger: wer sich selbst damit identifiziert…
Thüringer sind höchst beleidigt, wenn sie ob ihres Dialekts als „Sachsen“ identifiziert werden. Sie hätten nichts dagegen, als Europäer oder Deutsche bezeichnet zu werden. Aber um Gottes willen nicht als Sachsen. Hier sind wir an des Pudels Kern: Identifikation bedeutet zugleich auch Unterscheidung, Abgrenzung. Die in Bayern lebenden Franken sind zwar bundesstaatlich Bayern, möchten jedoch nach wie vor lieber als Franken bezeichnet werden.
Ähnlich verhält es sich mit den Oberlausitzern. Sie sind zwar bundesstaatlich Sachsen, aber sie sind, zumindest östlich der Pulsnitz, vorzugsweise Oberlausitzer. Die Unterschiede sind keineswegs vordergründig. Sie reichen bis in die Sprache. Während die „übrigen“ Sachsen sich tatsächlich mit den Thüringern den thüringisch-obersächsischen Dialekt teilen, werden östlich der Pulsnitz schlesisch-lausitzische Mundarten gesprochen.
Der Grund liegt darin, dass die Oberlausitz bis zur Unteilbarkeitserklärung in der sächsischen Verfassung von 1831 kein fester Bestandteil des sächsischen Staates war (mehr dazu: http://www.heidebogen.eu/index.php?id=geschichte). Im Gegensatz dazu waren das übrige Sachsen und das heutige Thüringen viele Jahrhunderte über die wettinische Familie eng miteinander verbunden. Die Lausitz, Schlesien und Böhmen bildeten in dieser Zeit einen lockeren Staatenbund unter „böhmischer Krone“. Die „böhmische Krone“ war in habsburgischer Hand, weshalb sich die Lausitzer überwiegend Richtung Prag und Wien orientierten, während die Sachsen ansonsten auf Meißen und später Dresden fixiert waren. Aufgrund dieser Tatsachen heißt das linke Ufer der Pulsnitz „Meißner Seite“ und das rechte Ufer „Böhmische Seite“ oder vereinzelt auch „Oberlausitzer Seite“.
Da 1815, durch den Wiener Kongress, die Niederlausitz und die halbe Oberlausitz zu Preußen kamen, gibt es heute eine „niederschlesische Oberlausitz“. Hier fällt die Identifikation mit Sachsen besonders schwer. Aber von dieser „Ausnahme“ abgesehen, kann sich die Bevölkerung der übrigen Oberlausitz – von Zittau über Bautzen bis eben zur Pulsnitz“ nach bald 200 Jahren Zugehörigkeit durchaus mit Sachsen identifizieren.
Als Folge diverser Kreisreformen, 1953 angefangen bis zur Einführung der Sektoralkreise 1994 hat man sich in Sachsen von der Idee von Verwaltungsstrukturen auf der Grundlage regionaler Identitäten verabschiedet und sozialökonomische Aspekte in den Fordergrund gestellt. Historiker wie Karlheinz Blaschke sehen Identitäten, die über tausend Jahre gewachsen sind, nicht durch „irgendwelche künstlichen Kreise“ gefährdet. Dennoch verschwimmen die Konturen der Identität an den Rändern.
Der Grund dafür ist, dass die geläufigen Namen gern zur Identifizierung neuer („künstlicher“) Strukturen herangezogen werden. Leider bedient man sich dann der Namen recht sorglos. So wird ein Wirtschaftsraum „Oberlausitz-Niederschlesien“ gebildet, wobei jener Teil, des Gebietes, der 1815 Niederschlesien zugeschlagen wurde, eigentlich begrifflich durch das Wort „Oberlausitz“ (die bis an die Queis reicht) schon abgedeckt ist. Gleichzeitig unterschlägt man aber einen Teil des Dresdner Landes, nämlich jenes Gebiet zwischen Pulsnitz und der Stadtgrenze Dresdens, das per Gesetz 1996 dem Landkreis Kamenz zugeschlagen wurde.
Sekoralstruktur hin oder her – es fällt schwer, „Radeberger“ mit der Oberlausitz zu identifizieren. Eher doch „Eibauer“ oder „Landskron“. Die Radeberger Brauer werben dann auch mit der Semperoper, die in Dresden steht. Sinnvoller wäre hier also der Name „Oberlausitz – Dresdner Land“ gewesen, ähnlich wie der Landkreis Kamenz zunächst auch „Westlausitz - Dresdner Land“ hieß.
Damit sind wir beim Kunstbegriff „Westlausitz“ angekommen. Im Zuge der Kreisreform ist er durch die Vereinigung des Altkreises Kamenz mit dem Kreis Hoyerswerda (ohne Stadt Hoyerswerda) entstanden. Hinzu kam Pulsnitz und Umgebung aus dem Kreis Bischofswerda.
Durch diese Gliederung wurden die westlich der Pulsnitz gelegenen Städte und Gemeinden, die schon zu DDR-Zeiten dem Kreis Kamenz zugeschlagen wurden, klammheimlich dem (ober)lausitzer Identifizierungsbegriff untergejubelt.
An das Dresdner Land, das eine sehr starke Ausrichtung der Identifikation auf Dresden-Meißen hat, traute man sich damals noch nicht heran. Durch den Namen „Westlausitz- Dresdner Land“ wurde die regionale Identität nicht beschädigt. Im Gegenteil. Das einst zum markgräflich-meißnischen Amt Radeberg gehörende Großröhrsdorf konnte auf diese Weise zur meißnischen Identität (zunächst) zurückkehren, zu der im neuen Landkreis neben Radeberg auch Arnsdorf, Wachau, Lichtenberg, Großnaundorf, Laußnitz und Ottendorf-Okrilla angehörten.
Der neue Landkreis behielt nur drei Monate seinen Namen, aber die Zeit reichte, dem Begriff „Westlausitz“ Leben einzuhauchen.
In diesem Zusammenhang aus erwähnenswert die Publikation von Olaf Bastian "Die Westlausitz - Grenzen und Naturräume"[8]
Die Königsbrücker Heide ist ein Sperrgebiet von ca. 70 km², das zwar mitten in dem seit 1831 „unteilbaren Sachsen“ liegt, aber seit seiner Sperrung als Truppenübungsplatz (TÜP) der kgl.-sächs. Armee im Jahre 1907 nichts besser geleistet hat als die historische Trennlinie zu erhalten.
Mit der Ausweisung des TÜP als Naturschutzgebiet wurde 1992 de facto auch die „innersächsische Grenze“ weiter verfestigt. Die heftigen Widerstände von Teilen der Bevölkerung und die Auseinandersetzung unterschiedlichster Interessengruppen zur Frage der „Nachnutzung“ des ehemaligen TÜP führen schließlich dazu, der Region für die tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Nachteile einen Ausgleich zu bieten. So kam die um den TÜP gelegene Region zum Förderprogramm LEADER+.
Dort wurde die Region natürlich als einheitliches Ganzes verstanden und brauchte natürlich zu ihrer Identifizierung einen Namen.
Der Begriff „Heidebogen“ wird heute, wenn man auf dem Haselberg in der Königsbrücker Heide steht, schnell nachvollziehbar. Von der Dresdner Heide im Süden über das „LSG Westlausitz“, die Laußnitzer und Königsbrücker Heide bis zum LSG „Elsterniederung und Westliche Oberlausitzer Heide“ beschreibt die Heide einen Bogen von Süd über Ost nach Nord, während die Sehne durch die westlicher gelegene Rödernsche und Kienheide gebildet wird. Gegen den Begriff „Heidebogen“ wäre insofern nichts einzuwenden, als dass der Begriff „Heide“ deutschlandweit recht überstrapaziert ist und mit „nur“ Heidebogen für Fremde eine Identifikation der Lage nicht annähernd gegeben ist.
Mit dem Adjektiv „Westlausitzer“ wurde allerdings bereits damals das tatsächliche Territorium etwa um die Hälfte der Fläche verfehlt. Es fehlte der östliche Teil des neuen Kreises Kamenz, dafür wurde der im Volksmund „Autobahnien“ genannte Ostteil des Kreises Riesa-Großenhain in den Westlausitzbegriff „einverleibt“, was dort jedoch zu keiner Zeit wirklich angenommen wurde.
Lediglich die Hoffnung auf Zugehörigkeit zu einer Förderregion führte überhaupt zu der 2006 eintretenden Entwicklung, dass sich trotz der fehlenden Indentität 2007 zunächst die gesamte Großenhainer Pflege im „Westlausitzer Heidebogen“ wiederfand. Zabeltitz (Großenhainer Pflege) wechselte allerdings noch 2007 in die Region „Röderdreieck“.
Darüber hinaus wuchsen der Förderregion noch weitere Teile des Dresdner Landes – mit Ottendorf-Okrilla, Radeburg und Moritzburg – sowie Niederau aus dem Meißner Land zu.
Damit war die Westlausitz an der Elbe angekommen – die Identität aber noch lange nicht. Wenn Karlheinz Blaschke für Identitäten die Jahrtausendelle anlegt, dann verstehen wir, dass das auch gar nicht sein kann.
Vielmehr geht es nur umgekehrt: der nichtidentische Begriff muss einem besseren weichen.
Es liegt nunmehr nahe, aufgrund des dominanten Zuwachses der Großenhainer Pflege den Doppelnamen „Westlausitzer Heidebogen und Großenhainer Pflege“ zur Identifizierung zu benutzen. Wenn man sich nicht schon beim lauten Vorlesen verhaspelt, so wird man den dauerhaften Gebrauch wohl schon aus Zeitökonomie ablehnen, wird irgendwann die hässliche Buchstabenkombination WHGP einführen und sich damit erst Recht einer Identifizierbarkeit entziehen. Zudem hegen Doppelnamen immer den Verdacht, dass etwas zusammengebracht werden soll, was eigentlich nicht zusammengehört.
Haben wir bereits die kulturhistorische Verschiedenartigkeit der Teilregionen erörtert, so gibt es auch noch andere – die nicht zuletzt auch zu den unterschiedlichen Entwicklungen beigetragen haben. Auch naturräumlich sind die Teile verschieden.
Während das Gebiet östlich der Pulsnitz nicht zuletzt deshalb eine Heidelandschaft ist, weil es eine überwiegend von Sand und Dünen bedeckte Sander- und Altmuränenlandschaft ist, hat die Großenhainer Pflege Lößböden und eignet sich für den Ackerbau.
Hier kommen wir zu den Ursprüngen und den geradezu entgegengesetzten Bedeutungen der Begriffe „Heide“ und „Pflege“.
Zum Begriff „Heide“ hat unser Vereinsmitglied Cornelia Schlegel folgende interessante Ausführung gemacht:
„Heute steht bei vielen der Begriff Heide für Zwergstrauchheide (im vegetationskundlichen Sinn)", schreibt sie und macht darauf aufmerksam, dass in diesem Sinn aber die Laußnitzer, Radeburger und Rödernsche Heide gar keine Heiden wären – sondern Wälder.
Deshalb ging sie dem Begriff „Heide“ auf den Grund und hat Folgendes herausgefunden: „Aus dem indogermanischen ‚kai’ entwickelte sich über das germanische ‚caitjo’ das gotische ‚haiþi’ als das den menschlichen Wohnplatz umgebende Land, einschließlich der Äcker und Wälder.
Im Mittelalter stand Heide für den ackerbaulich nicht genutzten Teil der Gemeinde. Heiden waren nicht pflugwürdiges Land, das sich in herrschaftlichen Besitz befand.“[1]
So erklärt sich vielleicht auch die doppelte Bedeutung des Begriffs. „Heide“ ist, wer oder was sich außerhalb der dörflichen / christlichen Gemeinschaft befindet.
Im Gegensatz dazu kann man unter „Pflege“ das Land verstehen, das von der Gemeinschaft be(land)wirtschaftet wurde. Die Lommatzscher, Großenhainer und Kamenzer Pflege sind fruchtbare Lößlandschaften und deshalb von besonderer landwirtschaftlicher Bedeutung.
Sagten wir „Kamenzer Pflege“? Um den Zahn gleich zu ziehen, wir könnten hier unser Gebiet zur „Großenhainer und Kamenzer Pflege“ machen… Die Kamenzer Pflege ist geläufiger unter dem Begriff „Klosterpflege“[2] und liegt überwiegend östlich von Kamenz, deckt sich also nicht mit unserer Gebietskulisse. Hier ist das vom Kloster St. Marienstern bewirtschaftete Land gemeint.
Schade eigentlich. Weil „Pflege“ als geografischer Begriff nur in Sachsen vorkommt.[2]
Es soll der Vollständigkeit halber erwähnt sein, dass im Sachsen des 15. Jahrhunderts der Begriff „Pflege“ auch für Ämter und/oder (?) Grundherrschaften gebraucht wurde. [3]
So heißt es in einer Chronik von Thalheim: „Um die Weihnachtszeit 1429 hatten die Menschen großes Leid zu ertragen. Hussiten verwüsteten die ganze Pflege von Oschatz.“[4]
Noch 1520 wird Sachsen-Coburg als „Pflege Coburg“ bezeichnet und auf eine „Pflege Eisfeld mit 20 Filialdörfern“ verwiesen. [5] Eine Chronik des Herzogtums Sachsen-Coburg-Gotha meint, der Name „Pflege Coburg“ leite sich von der Verwaltung durch einen Pfleger ab. [6]
Dies kann natürlich auch auf den „Verwaltungsbegriff“ für die Lommatzscher, Großenhainer usw. Pflegen zutreffen. Die Funktion des römischen „Statthalters“ Pontius Pilatus in Jerusalem übersetzte Martin Luther mit „Landpfleger“ - offenbar konnte er zu seiner Zeit davon ausgehen, dass jedem geläufig war, welche Funktionen ein Landpfleger hatte.
Möglicherweise ist nach der Einrichtung von Ämtern und später Amtshauptmannschaften der „amtliche“ Pflegebegriff auf den naturräumlichen übergegangen und (nur) in den drei genannten Fällen erhalten geblieben.
Während der Name WESTLAUSITZER Heidebogen im Osten (Altkreis Kamenz) weitgehend außer Frage steht und gut akzeptiert wird, sinkt die Akzeptanz jenseits der alten und jetzt neuen Kreisgrenze Meissen-Bautzen rapide. Die Grenze verläuft ähnlich der historischen Grenze Mark Meißen – Mark Oberlausitz. Schwierig ist auch die Akzeptanz in den zwei zum Altkreis Hoyerswerda gehörenden Orten Bernsdorf und Wiednitz, in denen auch noch eine „Niederlausitzer Identität“ mitmischt, die seit 1953 über den Bezirk Cottbus suggeriert wurde.
Doch diese ist wohl deutlich weniger dramatisch, als die „obersächsisch-meißnische“ Identität, die schon tausend Jahre verwurzelt ist und die einfach da ist, auch wenn das den Einwohnern weniger im Bewusstsein zu sein scheint als den Oberlausitzern ihre Oberlausitzer Identität.
Die Mark Meißen ist „Kernland“ und ein „Stammland“ – und entsprechend ist das Grundsentiment der Bewohner.
Von der Achse Magdeburg-Meißen aus wurde das Land östlich der Elbe kolonialisiert. Meißen wurde zum Bistum und zum Fürstensitz.
Die Mark Meißen, die „Wiege Sachsens“, wurde 965 von Kaiser Otto I. gegründet. 1089 wurde Meißen Sitz des Hauses Wettin. Die Wettiner wurden 1423 Kurfürsten. Kurfürsten waren mit dem Privileg ausgestattet, den deutschen König zu wählen, der wiederum das Privileg besaß, vom Papst zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt zu werden.
Auch wenn im 15. Jahrhundert die Residenz von Meißen ins 25 km südlicher gelegene Dresden verlegt wurde, blieb das Gebiet zwischen Elbe und Pulsnitz meißnisch-sächsisches Stammland, mit der ganzen Unmittelbarkeit eines anwesenden Herrscherhauses. Hier in der Umgebung bauten die Minister und Lakaien, Hofschranzen und Mätressen, Marschälle und Minister ihre Schlösser, Güter und Landsitze. Ganz im Gegensatz also zur Oberlausitz, für deren Einwohner der „zuständige Herrscher“ erst in Prag und schließlich in Wien zu finden war und nur mittelbar über Standesherrschaften regierte. Während das Dresden-Meißen-Sachsen zu den Mächten gehörte, die in Deutschland das Sagen hatten, war die Oberlausitz nur Provinz und schließlich nur noch „Verhandlungsmasse“. Während im Umland von Dresden Fürstentreue und Untertanengeist herrschten – nicht zuletzt dank einer gewissen Wohlfahrt (Erzgebirgisches Erz wirkte für Sachsen wie heute Öl für die Scheichs), gründete sich in der Oberlausitz der frühbürgerliche Sechsstädtebund – so etwas wie die „Schweiz des Ostens“ - vom Kaiser schmählich verraten und an seinen wettinischen Söldner zur Begleichung der Kriegsschuld als Lehen abgetreten. So geschehen im 30jährigen Krieg. Und die Oberlausitz wurde 1815 auf dem Wiener Kongress sogar noch einmal geteilt. Die Sachsen mussten die nördliche und östliche Hälfte an Preußen (Niederschlesien) abgeben und „durften“ nur ihr Stammland behalten, das jetzt zum „Kernland“ geschrumpft war – bestehend aus den „Provinzen“ (Kreisen) Leipzig, Vogtland, Erzgebirge, Meißen sowie eben dem „Rest“ des Markgrafentums Oberlausitz.
Es ist höchst interessant, die Verwaltungsgliederung Sachsens aus dem 16. Jh. einmal auf die heutige „Sachsenkarte“ zu legen. Da entdecken wir – bei aller Unschärfe – dass die damaligen Kreise fast Deckungsgleich mit den heutigen Regionalen Planungsverbänden (RPV) sind, nur dass man sich scheut, sie bei ihrem historischen Namen zu nennen:
Auffällig und eine Studie wert ist, warum man bei der Identifikation ausgerechnet den Begriff „Meißen“ meidet wie der Teufel das Weihwasser. Vielleicht, weil Meißen zu DDR-Zeiten auf den Rang einer Kreisstadt (von 105) herabgesunken war und man deshalb den Namen nicht über den anderer Orte, gar über den von Dresden setzen wollte? „Planungsverband Mark Meißen“? Undenkbar, dass da Dresden mitmacht! Also wurde für das einstige absolute Zentrum Sachsens der Begriff „Oberes Elbtal“ erfunden. Die Touristiker führten den Kunstbegriff „Sächsisches Elbland“ für „Elbtal minus Dresden“ ein.
Im 18. Jahrhundert enthielt der Kreis Meißen (u.a.) noch alle links der Pulsnitz liegenden Orte unseres Vereinsgebietes. [7] Die „Unter-Identitäten“ für unser Vereinsgebiet teilen sich aber schon damals so weit auf, dass sie nur schwer konsensfähig scheinen. Das Amt Großen Hayn reichte damals in südöstlicher Richtung über Glauschnitz und Stenz bis nach Oberlichtenau und in südwestlicher bis nach Niederau. So weit, so passend. Aber Laußnitz und Großnaundorf gehörten zum Amt Radeberg, Ottendorf und die Orte südlich von Radeburg zum Amt Dresden; Teile der heutigen Gemeinde Priestewitz zum Amt Meißen und ein Amt Moritzburg gab es auch noch, das von 1770 bis 1814 von Großenhain aus mit verwaltet wurde.
Nach der Verwaltungsreform von 1878 wurde aus der Oberlausitz die Kreishauptmannschaft Bautzen und aus dem Kreis Meißen die Kreishauptmannschaft Dresden. Die Bautzener Grenze wurde nach Jahrhunderten erstmals Richtung Westen verschoben und entsprach nun dem heutigen Verlauf im Bereich der Königsbrücker Heide mit der heutigen Kreisgrenze Meißen-Bautzen. Lediglich Ottendorf-Okrilla hat aus Sicht des Heidebogens „die Seiten gewechselt“, ansonsten sind wir heute, also nicht ganz zufällig, wieder bei diesem „Grenzverlauf“ angelangt.
1485, unter Herzog Albrecht, wurde Dresden zur Residenzstadt der nach ihm benannten „albertinischen Linie“ der Wettiner. Seit 1547, als Herzog Moritz die Kurwürde und sein Land den Namen „Chursachsen“ bekam, ist der Name Dresden auch untrennbar mit dem Namen Sachsen verbunden.
Ein halbes Jahrhundert immerhin. 40 Jahre als eine von drei „sächsischen“ Bezirksstädten in der DDR wogen das nicht auf – und so erlangte Dresden nach der Wende den Rang der sächsischen Hauptsstadt zurück.
Im Gegensatz zur Stadt Dresden war deren unmittelbares Umland ständig wechselnden Zugehörigkeiten unterworfen, wobei wohl die Hauptursache der Expansionsbedarf der Stadt selbst war. Die Amtshauptmannschaft Dresden enthielt außer Moritzburg und Ottendorf-Okrilla auch solche Orte wie Klotsche, Plauen, Blasewitz und Loschwitz – heute alles Stadtteile von Dresden. Die Verflechtungen vollzogen und vollziehen sich in allen Daseinsbereichen – familiär, arbeitsseitig, baulich… Die Sogwirkung der Metropole ist so groß, dass sich eine Identität des „Rand-Dresdners“ nie bilden konnte. Ehe sie entstehen konnte, lag das betreffende Gebiet schon mitten in der Stadt. Die wegen vieler Eingemeindungen bereits geschrumpfte Amtshauptmannschaft Dresden wurde 1939 „reichseinheitlich“ in „Landkreis Dresden“ umbenannt, nach der Kreisreform 1953 wurde daraus zum Teil der Kreis Dresden-Land, wobei im Westen ein Teil des neuen Kreises Freital abgetrennt wurde und im Norden kam die Stadt Radeburg hinzu.
Nach der Wende gehörte der Kreis zum Dresdner Wachstumskern. Der Eingemeindungsdruck zerstörte die Existenz des Landkreises. Die „Reste“ des Kreises hätten aus rein historischer Sichtweise wieder in den Kreis Meißen eingegliedert werden können, jedoch wurde aufgrund des preferierten „Sektoralmodells“ der „Kuchen“ auf die Nachbarn aufgeteilt.
Die vergrößerten Kreise wurden zunächst „Meißen-Radebeul“ und „Westlausitz – Dresdner-Land“ genannt, jedoch hatten die Mehrheitsverhältnisse in den neu formierten Parlamenten zur Folge, dass man die Namenserinnerungen an den Dresdner Landkreis untergehen ließ.
Obgleich durch das Sektoralmodell die neuen Umlandkreise enorm vom Dresdner Wachstumskern profitieren, scheiterten bisherige Versuche, den „Dresdner Bogen“ bis Kamenz zu spannen, wie im Regionalentwicklungskonzept (REK) Dresden vorgeschlagen. Das REK wurde von 2003 - 2007 erstellt. Zur Zeit wird daran gearbeitet, es umzusetzen. Dass sich dieses Vorhaben als schwierig erweist, kann verschiedene Ursachen haben, die in den Ängsten vor der Dresdner Expansion auf der einen und Dresdner Egoismen auf der anderen Seite begründet scheinen. Die Region Dresden ist eine großräumige Kooperation zwischen den Landkreisen und der Landeshauptstadt, an der die Gemeinden nicht direkt beteiligt sind. Mehr zum REK unter www.region.dresden.de
Bereits schon vor der Erarbeitung des REK gab es die Initiative Stadt-Umland-Region Dresden, an der alle unmittelbar an Dresden angrenzenden Kommunen, außer Radebeul, beteiligt sind. Informationen zu den Betätigungsfeldern dieses Zusammenschlusses unter http://stadt-umland-region.dresden.de
Was spricht aber für Dresden? Eigene Erfahrungen haben gezeigt, dass Dresden ein Begriff ist, den man vielleicht nicht in allen Schichten aber doch nahezu in der ganzen Welt kennt – wobei mir bei Besuchen in Schottland, in Irland, der Schweiz und am Bodensee im Rahmen von LEADER+ schnell klar wurde, dass der bekannteste Begriff, mit dem man identifiziert werden kann, Dresden ist. Dabei wissen schon viele nicht, dass Dresden die Hauptstadt des Freistaates ist. Überrascht hat mich, dass auch Meißen nicht sonderlich bekannt ist und „Sächsisches Elbland“ war anscheinend völlig unmöglich zu verorten.
Der persönliche Eindruck wird durch eine Untersuchung über das Internet voll bestätigt.
Ich habe geprüft, wie häufig im Internet die Begriffe Dresden, Sachsen, Meißen, Elbland, Lausitz und Elbsandsteingebirge in zufällig ausgewählten Sprachen und in zwei entfernten Ländern (Kanada und Australien) von Google genannt werden:
Sprache | Dresden | Sachsen | Meißen | Elbland | Lausitz | Elbsandsteing. |
Arabisch | 27.000 | 13.400 | 2.990 | 6 | 305 | 4 |
Indonesisch | 17.000 | 3.960 | 505 | 1 | 226 | 7 |
Japanisch | 401.000 | 41.400 | 135.000 | 54 | 2.860 | 261 |
Philippinisch | 1.550 | 247 | 22 | 0 | 9 | 1 |
Spanisch | 1.040.000 | 2.220.000 | 95.300 | 22.400 | 41.200 | 14.100 |
Niederländisch | 809.000 | 448.000 | 9.360 | 3.670 | 15.100 | 3.610 |
Ungarisch | 183.000 | 35.600 | 2 | 1.170 | 5.400 | 185 |
Kanada (frz.) | 23.500 | 5.040 | 5.740 | 73 | 476 | 4 |
Australien (en.) | 328.000 | 12.700 | 12.100 | 44 | 2.110 | 183 |
Die Auswahl macht deutlich, dass Dresden der eindeutig bekannteste der Begriffe ist, mit Ausnahme des Spanischen Sprachraums. Dresden ist 2 bis 10 mal bekannter als Sachsen und mit Ausnahme Japans mindestens 10 mal bekannter als Meißen – und trotz des Porzellans auch in Japan noch 3 x so verbreitet.
Der Begriff „Elbland“ ist nicht annähernd so erfolgreich wie der Begriff „Lausitz“. Eine Jahrhunderte lange Begriffsbildung hinterlässt selbst in so einem modernen Medium wie es das Internet ist, deutlichere Spuren als es ein „Kunstbegriff“ je schaffen kann.
Das touristisch attraktive Elbsandsteingebirge ist von der Größe her mit unserer Region vergleichbar. Der ebenfalls noch relativ junge Begriff, der niemals ein Land, immer nur eine Landschaft bezeichnet hat, ist in etwa so verbreitet wie der Begriff „Elbland“, obwohl er schon gut hundert Jahre als Tourismusregion vermarktet wird. Aufgrund der enormen, hier überall eingesetzten Werbemittel lässt sich schlussfolgern, dass Generationen benötigt werden, um für eine Region eine Identifikation mit globalen Reichweiten zu erreichen.
Die Frage der „Reichweite“ einer Identität ist nur interessant, wenn es darum geht, von außen mit dem regionalen Begriff verortet zu werden.
In welchen Zusammenhängen ist in Bezug auf die Region diese „Verortung von außen“ wichtig?
Ich beschränke mich bequemerweise auf diese zwei.
Für Standortentscheidungen zugunsten unserer Region – das verrät ja oben die Tabelle, die keineswegs eine rein touristische ist – zieht vor allem der Name Dresden. Ob sich jemand für den Studienplatz oder Wohnort oder gar Unternehmensstandort entscheidet – als Schlüsselargument taucht immer Dresden auf.
Hier profitiert das Umland vom Namen Dresdens ohne eigenes „namentliches“, „markenmäßiges“ Zutun. Es liegt natürlich nahe, sich bei der Namensfindung den Namen Dresdens zunutze zu machen.
Im Zusammenhang mit der Wahl des Urlaubsortes haben Untersuchungen des TV Sächsisches Elbland ergeben, dass die Reichweite seines Namens touristisch wirksam nur etwa in einem Umkreis von 350 km innerhalb Deutschlands ist – das heißt: innerhalb der neuen Bundesländer. Deshalb wird auch hier derzeit nach einem besser vermarktbaren Namen gesucht.
Beim Tourismusverband geht es darum, von in- und ausländischen Tourismusmärkten Touristen zu ziehen, um vermittels der starken Tourismusprodukte die Tourismuswirtschaft als bedeutenden Wirtschaftsfaktor profitabel zu machen. Auch hier stellt sich die Frage, sich den Hype der Landeshauptstadt zunutze zu machen.
Aufgrund des ungebrochenen Wachstums der Übernachtungskapazitäten in der Stadt Dresden selbst, das im krassen Widerspruch steht zu der auf schon sehr hohem Niveau nur noch gering wachsenden Nachfrage, musste sich der TV jedoch anders orientieren. Touristisch gesehen besteht für das Umland kaum Aussicht, hier langfristig auch nur eine Krume vom Kuchen abzubekommen. Hier hat die „Sogwirkung“ der Stadt einen nachhaltig negativen Effekt, vor allem für die Beherbergungsbetriebe. Man würde also durch Werbung über einen Namenszusammenhang mit Dresden letztlich nur in Dresden die Betten füllen.
Mit Dresden werben – ja oder nein? – aus Standortsicht ja, aus Tourismussicht nein. Was ist für uns das Richtige? Hier lohnt sich wieder mal ein Blick in unser ILEK.
Zu den sieben Entwicklungszielen ist für mindestens zwei die „Verortung von Außen“ bedeutend. Das allererste Entwicklungsziel ist „die Entwicklung der Region zu einem attraktiven Wohnstandort nahe Dresden“. Sich als Angebot für eine bevölkerungsmäßig wachsende Region in einem ansonsten schrumpfenden Umfeld erkennbar zu machen, erscheint von besonderer Wichtigkeit. Hier geht es vor allem um die Rettung historischer Dorfkerne vor dem Verfall, was nur durch „Belebung“ gelingen kann. Aufgrund der geringen eigenen Wachstumschancen jener Teilregionen, die von Dresden weiter entfernt sind, gilt es, das Pendeln zwischen Arbeitsplatz im Elbtal und Wohnung auf dem Land attraktiv zu gestalten – ökonomisch und ökologisch vertretbar. Anzusprechen sind potentielle Neu-Dresdner VOR ihrer Standortentscheidung.
Der zweite wichtige Aspekt ist das Entwicklungsziel „einer attraktiven Naherholungsregion“. In Ermangelung touristisch vermarktbarer Attraktionen, die mit denen zwischen Elbsandsteingebirge und Meißen auch nur annähernd konkurrieren könnten, kann das Angebot nur sein, Erholung jenseits des Massentourismus anzubieten. Unter dem Gesichtspunkt „Naherholung“ stellen sich manche touristische „Reichweitenfragen“ ganz anders. Uns reicht es, wenn die Dresdner und die „Elbland-Bewohner“ erkennen, dass wir ihre ländliche Oase vor IHRER Haustür sind.
Über nunmehr acht Jahre hat sich der Begriff „Westlausitzer Heidebogen“ als Förderregion etabliert und ist zumindest Innenverständnis geläufig. Eine Umbenennung ist natürlich wiederum selbst mit der Gefahr verbunden, die schon geschaffene Identifizierung wieder zu verlieren. Im Zusammenhang mit dem „Namensklau“ durch die Nachbarregion Westlausitz wurde von Vorstandsmitglied Heiko Driesnack der Vorschlag gemacht „Heidebogen künftig ganz groß und Westlausitz ganz klein“ zu schreiben. Wir haben deshalb im täglichen Umgang immer mehr auf „Heidebogen“ verkürzt, statt wie vorher auf „Westlausitz“. Allerdings ist „Heidebogen“ eben nicht zu lokalisieren. Ein Gedanke wäre, einen Namen zu finden, in dem „Heidebogen“ erhalten bleibt – als Kompromiss, auch wenn wir eben rein sachlich gesehen nicht nur ein Heidebogen sind (siehe „Gegensatz von Heide und Pflege“).
Flussnamen haben den Charme, bei der Verortung gute Dienste zu tun, so geschehen bei den Kunstbegriffen „Elbsandsteingebirge“, „Oberes Elbtal“, „Elbland“, Muldentalkreis, Weißeritzkreis, Haselbachtal. Wir könnten viele nennen. Auch unser touristisches Angebot heißt „Radeln zwischen Elbe und Spree“. Allerdings liegen sämtliche in Frage kommenden Flussbezeichnungen mit unserer Region „über quer“. Elbe und Spree sind zu lang. Mit der Namenskombination könnten wir auch noch südlich von Berlin werben. Eigentlich liegen wir zwischen Elbe und Elster – so nennt sich aber schon ein brandenburgischer Landkreis. Die Pulsnitz hat eine exorbitante Bedeutung für unsere Region. Wir sind ja praktisch die Brücke über den historischen Grenzfluss, der die zwei Marken Meißen und Oberlausitz verbindet. Aber Pulsnitz (Stadt) gehört nicht zu unserer Region. Verwechslungsgefahr.
Es wurde eine Diskussionsplattform eingerichtet, die über ein halbes jahr lang aktiv war. Dort wurden Meinungen und Vorschläge ausgetauscht, schließlich wurden alle Vorschläge zur Wahl gestellt. Es konnte online abgestimmt werden. So wurde eine Vorauswahl für die Mitgliederversammlung getroffen, die letztlich für die Änderung des Namens in "Dresdner Heidebogen" votierte.
Quellen:
[1] Die Königsbrücker Heide (_.ppt) Naturbewahrung Westlausitz, © Cornelia Schlegel 2004
[2] United Nations Social and economic Council, 17th Session of the United Nations Group of Experts on Geographical Names, Working Paper No. 39; New York 1994, S. 9
[3] „Vorzeichnis der Erbarmannschaft in den Pflegen“ von 1444/45 (Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, Loc. 7997/2);
[4] Historische Beschreibung der Stadt Oschatz von C.S. Hoffmann von 1817, II. Teil
[5] Chroniken der Gemeinde Auengrund (Oberwind, Crock), www.auengrund.de
[6] http://www.deutsche-schutzgebiete.de/herzogtum_sachsen-coburg-gotha.htm
[7] http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c5/Kreise_Kursachsens.jpg
[8] Olaf Bastian "Die Westlausitz - Grenzen und Naturräume"